enyway – Der disruptive Ansatz hinter dem Energie-Start-up

Das Unternehmen enyway aus Hamburg revolutioniert mit visionären Ansätzen die Energiewende. Ein Pizzakarton sorgt seit November 2018 für Schlagzeilen: Mit einem pizzakartongroßen Anteil kann sich Jeder am Bau einer subventionsfreien Solaranlage beteiligen. Durch dieses Geschäftsmodell, das eine neue Form der Teilnahme an der Energiewende schafft, und weitere Innovationen hat sich enyway in den vergangenen zwei Jahren einen Namen gemacht. Andreas Rieckhoff, Co-Gründer und einer der Geschäftsführer von enyway, spricht mit Stephan Preuss, Geschäftsführer von QUANTIC Digital, über die Vision, die Menschen und die Faktoren, welche zu dem Erfolg der Innovationen von enyway geführt haben.

Stephan Preuss, Geschäftsführer von QUANTIC Digital: Welche Zielstellung steht hinter enyway?

Andreas Rieckhoff, Gründer und Geschäftsführer enyway: Unsere Vision ist es, eine Energiewelt zu schaffen, die es jedem ermöglicht, direkt von den erneuerbaren Energien zu profitieren. Wir ebnen neue Wege für eine grüne Energiezukunft und legen die Macht in die Hände von Menschen statt von Unternehmen.  

Bildquelle: enyway

Bildquelle: enyway

Wir ebnen neue Wege für eine grüne Energiezukunft und legen die Macht in die Hände von Menschen statt von Unternehmen.
— Andreas Rieckhoff

Stephan Preuss: Womit seid ihr gestartet und was waren die wichtigsten Schritte, um jetzt als gegründetes Start-up-Unternehmen am Markt zu sein?

Andreas Rieckhoff: Enyway ist seit September 2017 eine eigenständige Firma und war zuvor ein Geschäftsbereich von LichtBlick aus Hamburg. Im November 2017 sind wir mit unserem ersten Produkt enyway power in den Markt gegangen und haben so den Ökostromhandel zwischen Menschen ohne einen zwischengeschalteten Versorger ermöglicht.

2018 kam unser zweites Produkt enyway invest als klassisches Crowdfunding-Projekt auf den Markt. Interessierte können sich an dem Bau einer PV-Anlage beteiligen und erhalten entsprechend acht Jahre lang Zinsen je nach Sonneneinstrahlung. Insbesondere im letzten Jahr war das mit fünf Prozent Zinsen sehr attraktiv. Im November 2018 veröffentlichten wir enyway change als Erweiterung von invest auf unserer Plattform. Kunden können sich für deutlich weniger Geld als bei invest am Bau einer Solaranlage beteiligen, indem sie Solarmodule in anschaulichen Größen wie einen Pizzakarton oder einer Tischtennisplatte erwerben. Als Gegenwert erhalten die Kunden sowohl das Recht auf den Solarertrag als auch Ökostrom zu Einkaufsbedingungen.

Wir verstehen uns als Plattform für regenerative und nachhaltige Produkte und sind demnach immer auf der Suche nach neuen Produkten und Kooperationspartnern. Beispielsweise hatten wir Anfang des Jahres eine Kooperation mit dem Tiefkühlpizza-Hersteller Gustavo Gusto. Auf den Pizzaschachteln war ein Gutschein für insgesamt 100.000 pizzakartongroße Solarpakete von uns zu finden. Das Solarmodul bekam der Kunde quasi geschenkt und konnte sich optional Strom zum Einkaufspreis sichern. Das brachte uns viel Aufmerksamkeit ein.

 

Stephan Preuss: Wer steht hinter enyway und welche Teamressourcen und -kompetenzen sind an Board?

Andreas Rieckhoff: Die Personen hinter enyway sind einmal wir drei Gründer: Heiko von Tschischwitz, der Gründer und Ex-CEO von LichtBlick, meine Kollegin Varena Junge, die für die Themen Produktentwicklung, Vertrieb und Marketing verantwortlich ist, sowie ich. Ich bin für IT, Finanzen und Personal zuständig.

Daneben haben wir größtenteils private Investoren, die an unsere Vision bei enyway glauben und uns sowohl finanziell als auch mit Rat und Tat unterstützen.

Unser gesamtes Team hinter enyway besteht heute aus etwa 50 Personen: Im Wesentlichen sind das Energiemarktexperten, Produktexperten, User-Experience-Experten, Software-Entwickler sowie agile Coaches, die an unserer Vision arbeiten.

Bildquelle: enyway

Bildquelle: enyway

Für uns war es von Beginn an wichtig, uns als agile Organisation auszustellen. Dafür haben wir uns bewusst entschieden. Nicht, weil es angesagt war, sondern weil wir nicht genau wussten, wie sich der Markt entwickelt und wir daher schnell auf Veränderungen am Markt reagieren mussten. Bei Produkten wie unseren ist es wichtig, Feedback von unseren Kunden zu erhalten und Produkte auszuprobieren. Daraus müssen wir schnell lernen und mit dem Gelernten den Kurs korrigieren. Dazu braucht es cross-funktionale Produktteams, also Teams aus Menschen mit verschiedenen Fachrichtungen, die sich weitestgehend selbstverantwortlich organisieren.

 

Stephan Preuss: Ihr habt in Euren Werten „Power to the People“ stehen. Was bedeutet das und wie unterscheidet Ihr Euch damit zu den klassischen Werten von Energieversorgern?

Andreas Rieckhoff: Ich möchte nicht beurteilen, wie die Organisationen bei Energieversorgern in Deutschland aussehen. Ich erläutere aber gern, was für uns „Power to the People“ bedeutet: Wir sind der festen Überzeugung, dass Menschen bei entsprechendem Verantwortungs- und Gestaltungsspielraum, Dinge möglich machen, die vorher nicht für möglich gehalten wurden. So war das auch bei unserem MVP (Minimal Viable Product, dt. minimal funktionsfähiges Produkt) für enyway change, welches wir mit einem Kernteam von acht Menschen in acht Wochen gelauncht haben. Keiner aus unserem Umfeld – auch nicht unsere Shareholder – haben geglaubt, dass wir das im angedachten Zeitraum schaffen und waren erstaunt und begeistert, dass wir das Produkt bis zu den AGBs in so kurzer Zeit veröffentlicht hatten.

Das Wesentliche ist, allen die Freiheit zu geben, einfach Dinge zu tun und möglicherweise auch Fehler zu machen. Beides ist sehr entscheidend. Dazu passt das Zitat von Steve Jobs: "It doesn't make sense, to hire smart people and tell them, what to do. We hire smart People, so they can tell us, what to do." Das heißt, dass es nicht den einen Visionär oder die drei Geschäftsführer gibt, die wissen wie der Hase läuft, sondern eine Organisationskultur, in der alle Verantwortung übernehmen, alle sich einbringen und kreativ mitarbeiten. Ob das andere Energieversorger auch können, lasse ich mal dahingestellt. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Meistens sind es aber die historisch gewachsenen Strukturen, die Innovationen im Wege stehen.

Wir sind der festen Überzeugung, dass Menschen bei entsprechendem Verantwortungs- und Gestaltungsspielraum, Dinge möglich machen, die vorher nicht für möglich gehalten wurden.
— Andreas Rieckhoff

Stephan Preuss: Habt ihr in den letzten drei Jahren die Anforderungen an das Team verändert? Gab es einen Punkt, an dem neue Kompetenzen gesucht habt?

Andreas Rieckhoff: Die Veränderungen bei uns sind meistens gar nicht so groß, da wir kontinuierlich lernen und uns weiterentwickeln, aber von diesen kleinen Veränderungen fallen mir unzählige Beispiele ein, von denen ich drei erzählen möchte:

Das eine ist, dass wir mit der Zeit der User Experience immer mehr Gewicht beigemessen haben. Wir fanden heraus, an welchen Stellen Kunden aussteigen, haben dementsprechend die Benutzerführung optimiert, so die Absprungrate verringert und die Abschlussquote erhöht.

Das zweite ist, dass wir den Kundenservice mit dem Ziel erweitert haben, qualitatives und vor allem direktes Kundenfeedback zu erhalten. Wenn wir von unseren Kunden häufiger Fragen zu gleichen Themen erhalten, dann ist das ein guter Indikator für Schwachstellen, die wir ausbessern müssen.

Und das dritte ist das Thema Data Analytics und BI. Wir verfügen jetzt über eine Kundenbasis, bei der es sich zu analysieren lohnt, wer unsere Kunden sind und was sie bewogen hat, zu uns zu kommen – oder: Wer unsere Kunden nicht sind und warum eigentlich nicht? Darauf aufbauend können wir bessere bzw. passendere Produkte entwickeln.


Stephan Preuss: Gab es Fehlschläge, die du gern teilen möchtest?

Andreas Rieckhoff: Bisher sind wir bei enyway glücklicherweise von großen Fehlschlägen verschont geblieben. Wir haben aber bis jetzt unglaublich viel gelernt. Beispielsweise haben wir uns nach dem Markteintritt von enyway power im November 2017 gefragt, ob wir nicht früher mit einem kleineren MVP hätten starten sollen. Da wir uns die Frage im Nachhinein mit ‚Ja‘ beantworteten, haben wir das bei enyway change umgesetzt. Insofern würde ich den späten Markteintritt von enyway power nicht als Fehlschlag, sondern als großes Learning bezeichnen. Dazu gibt es auch ein lustiges Zitat von Reid Hoffman, dem Co-Gründer von LinkedIn: „Wenn dir die erste Version deines Produktes nicht peinlich ist, hast du es zu spät auf den Markt gebracht.“

Stephan Preuss: Was sind aus Deiner Sicht die drei wichtigsten Faktoren für erfolgreiche Geschäftsmodelle im Energiemarkt?

Andreas Rieckhoff: Der erste Faktor ist, dass Innovationen für sich allein eigentlich nichts wert sind, wenn sie nicht die Bedürfnisse des Kunden erfüllen oder ein echtes Kundenproblem lösen. Es muss immer irgendein ‚Problem-Solution-Fit‘ in Richtung Kunde geben, erst dann kann etwas Erfolgreiches entstehen.

Ein weiterer Punkt sind Plattformgeschäftsmodelle in Kombination mit modernen Informationstechnologien. An erster Stelle ist hier das Thema Blockchain zu nennen. Unser Ökosystem hat eine Blockchain-Basis, sodass Anlagenteile fälschungssicher den jeweiligen Kunden zugeordnet werden. Auf diese Basis setzen wir nach und nach weitere Anwendungsfälle auf, z. B. Crowd-Invest auf internationaler Ebene, anlagenscharfer Herkunftsnachweis, oder auch autarke Power Communities.

Und last but not least ist das bereits erwähnte Thema Kultur und „Power to the People” ausschlaggebend. Jeder kann bei uns, auch wenn es nicht seine Kernkompetenz betrifft, seine Idee einbringen, diskutieren und testen. So haben wir viele unserer Ideen behandelt, die heute auf unserer Website zu sehen sind. Gerade die stetige Bereitschaft für das Ausprobieren von Ideen ist ein wichtiger Faktor für erfolgreiche Innovationen, nicht nur für den Energiemarkt, sondern meiner Meinung nach in allen Branchen.

 

Stephan Preuss: Glaubst Du, dass ein Geschäftsmodell wie das von enyway auch von anderen Energieversorgern angegangen worden wäre?

Andreas Rieckhoff: Eine spannende Frage. Wir sind mit dem Ansatz im Markt, den Energieversorger überflüssig zu machen. In der zunehmend digital vernetzten Welt werden Plattformmodelle immer wichtiger. Zudem steigt das Interesse der Kunden branchenübergreifend, von wem sie etwas kaufen. Daher haben wir mit enyway power den Ansatz des direkten Stromhandels gewählt – mit Menschen, die authentisch für die Energiewende stehen. Zum Beispiel betreibt einer unserer Stromverkäufer Naturkostläden, auf die er zwei PV-Anlagen zum Eigenverbrauch gebaut hat. Die überschüssige Energie bietet er bei uns an und war schnell ausverkauft, weil er authentisch und auch sehr sympathisch ist. Solche Geschichten interessieren und wollen unsere Kunden.

Mit unserem Produkt enyway change gehen wir sogar noch einen Schritt weiter: Beteilige dich selbst am Bau einer Solaranlage. Werde so zu einem gewissen Teil zum Selbstversorger und sichere dir grundsätzlich den Strom zu Einkaufsbedingungen. Im Grunde lassen sich Margen nur durch echte Mehrwertdienste rechtfertigen, die durch das Plattformgeschäft erst möglich werden. Aber mit Strom hohe Margen abzugreifen und nur ein Standardportal anzubieten, indem Kunden ihre Bankverbindung ändern oder ihren Zählerstand eingeben können, ist veraltet. Deswegen bin ich nicht sicher, ob klassische Energieversorger wirklich unseren Weg gehen können. Sie müssten sich schon sehr stark selbst kannibalisieren. Das ist möglich, aber auch eine Veränderung, für den ein Großteil der Energieversorger nicht bereit oder nicht in der Lage ist.

 

Stephan Preuss: Vielen Dank für die Einblicke und das Interview! Ich bin gespannt auf die nächsten Jahre von enyway.

Andreas Rieckhoff: Ich bin auch gespannt, wie es weitergeht. Wir schwimmen tatsächlich gegen den Strom und der Energiemarkt ist nicht der Leichteste. Aber wir sind überzeugt von unserer Idee und auch das Feedback der Kunden ist hochmotivierend. Wir treffen im Grunde den Nerv der Zeit, aber wir müssen immer noch mehr Aufmerksamkeit bekommen, um weiter wachsen zu können. Das ist die Herkules Aufgabe. Dieses Jahr wird auf jeden Fall ein sehr, sehr wichtiges Jahr für uns werden.

Dem Autor auf Twitter folgen >